Mal wieder große Aufregung in Deutschland: Der Bund der Vertriebenen hält an der Nominierung von Erika Steinbach für den Rat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung fest und sorgt damit für Streit bei den schwarz-gelben Koalitionären. Außenminister und Vize-Kanzler Guido Westerwelle hat bereits angekündigt, dass er der Personalie Steinbach, die insbesondere gegenüber Polen schwer zu vermitteln ist, die Zustimmung verweigert. Der BdV erklärt die Personalie zum “Demokratietest für unser Land”.
In bestimmten Bevökerungsteilen sorgt diese Auseinandersetzung offensichtlich für helle Aufregung. Schnell wird klar, dass die eigentliche Frage, inwieweit die Personalie Steinbach glaubhaft für Flucht, Vertreibung und Versöhnung stehen kann, zurückgedrängt wird durch eine andere: “Wieviel[sic] Kniefälle sollen wir vor der Welt machen?” schreibt etwa ein Benutzer des web.de Nachrichtenforums als Kommentar zur zugehörigen Meldung. Es geht um deutsche Schuld und deutsche Identität. Es geht ums Ganze.
Der Grundtenor ist eindeutig: Die Deutschen sollen wieder stolz auf ihr Land sein dürfen. Bisher verbiete ihnen das die “Siegermoral” der “anderen”, namentlich besonders der Polen. Eine sachliche Argumentation scheint aussichtslos, da sofort die verletzte nationale Befindlichkeit berührt wird. Selbstkritik ist fehl am Platze.
Viele wollen offensichtlich ein “normales” Verhältnis zur eigenen Nation entwickeln, haben aber gleichzeitig das Gefühl, dass sie dies nicht “dürfen”. Sie haben das Gefühl, in ein “Büßerhemd” gezwängt zu werden, machen dem Land seine angebliche “Büßermentalität” zum Vorwurf. Dabei geht es nicht um Buße. Es geht um eine Positionierung zur deutschen Vergangenheit, die in vorhersehbarer Zeit wohl keinem Deutschen “erspart” bleibt. Auch 65 Jahre nach Ende des NS-Regimes und recht umfangreicher wissenschaftlicher Aufarbeitung, bleibt seine Bedeutung für Identitätsfragen offensichtlich in weiten Kreisen unklar.
Wie wir uns als Deutsche in Anbetracht der NS-Verbrechen positionieren, ob wir uns überhaupt noch als Deutsche sehen wollen oder die nationale Identität zugunsten anderer komplett über Bord werfen, darauf kann und will ich keine Antwort geben – dies schon aus der Überzeugung heraus, dass es hierauf nicht die eine Antwort für alle gibt. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns die Identitätsfrage endlich explizit stellen müssen. Das betrifft nicht die “große Politik”, sondern jeden einzelnen.
Um wieder etwas konkreter auf den Streit zwischen Vertriebenen und Polen zurückzukommen: Hier geht es meiner Ansicht nach vor allem um Anerkennung. Die Polen wünschen sich eine Anerkennung der deutschen Verbrechen, die Vertriebenen wünschen sich von Polen und Tschechien eine Anerkennung des Unrechts der Vertreibung. Jede Forderung nach Anerkennung steht aber vor dem Problem, dass sie nicht so einfach erfüllt werden kann. Niemand kann einfach so auf Aufforderung etwas anerkennen.
Oft heißt es, die Deutschen hätten ja schon ihre Schuld eingestanden. Jetzt seien die “anderen” an der Reihe. Eine Anerkennung, die so einfach zurückgezogen werden kann, verdient ihren Namen aber nicht. Daraus speist sich auch der zumindest zum Teil berechtigte Verdacht vieler Polen, dass es den Deutschen nicht wirklich ernst ist.
Versöhnung bedeutet bedingungsloses Aufeinanderzugehen. Bedingungslos bedeutet, dass eine gleichartige Bewegung der anderen Seite nicht Voraussetzung für die eigene Bewegung sein darf. Eine Nominierung von Erika Steinbach, die sich noch 1991 in einer Erklärung gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze wandte, für den Rat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wäre aus dieser Perspektive ein radikal falsches Signal. Wie ihr Name jemals, angesichts der teils verständlichen, teils unverständlichen Ablehnung, die ihr aus Polen entgegenschlägt, glaubhaft für Versöhnung in Mitteleuropa stehen kann, ist mir zumindest nicht ersichtlich. Es bleibt zu hoffen, dass Herr Westerwelle genug Rückgrat besitzt, sich gegen die ihm nun unweigerlich entgegenschlagenden Animositäten zu verteidigen und standhaft zu bleiben.